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Kapitel 2

Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.

Johann Wolfgang von Goethe, Faust 1

2. Wirklichkeit – Sprache – Wahrheit

Dass der Mensch sprechen kann, ist ein einzigartiges Resultat der biologischen Evolution. Ein besonderer Kehlkopf, sprechmotorische und sprachverarbeitende Areale im Gehirn und angeborene Verhaltensmuster bezüglich der Kommunikation haben sich entwickelt. – Die artikulierte Sprache einzusetzen stellt einen hochkomplexen Denkprozess dar, welcher neue Denkprozesse auslöst. Eine bestimmte Äußerung lässt sich nicht auf eine Sequenz von bestimmten Wörtern respektive Sequenz von bestimmten Sätzen reduzieren. Oft kommt es darauf an, wie man etwas sagt. Es gibt eine begleitende, in den meisten Fällen unkontrollierte Körpersprache, beispielsweise die Lautstärke, die Tonlage, das Tempo, die Betonungen, die Mimik, die Gestik, die Haltung des Körpers, das Weinen, das Lachen, die Hautrötungen. Inhalte zwischen den Zeilen werden erahnt. Diese interpretieren wir in den betreffenden Text hinein. – Wenn wir Texte hören oder lesen, wollen wir die Botschaft der betreffenden Sätze verstehen, was in manchen Fällen schwierig ist. Dabei bilden sich bestimmte Vorstellungen, insbesondere Assoziationen mit dem aktuellen Erlebnis und mit den unterschiedlichsten Gedächtnisinhalten. Emotionale Einflüsse und Zufallskomponenten (siehe Kapitel 3) sind hier gegeben. Die betreffenden Vorstellungen können die Interpretation eines bestimmten Textes (Auslegung, Deutung, Exegese, Textverständnis) unterstützen, aber auch irreleiten bezüglich der Intention. – Wenn wir eine bestimmte Rede halten oder einen bestimmten Text schreiben, ist unser sprachliches Ausdrucksvermögen gefordert. Nicht selten ist ein bestimmter Satz inadäquat bezüglich der jeweiligen Intention, weil die Formulierung missglückt ist. Auch Übertragungsfehler sind möglich: Verluste von Textteilen, kleine sinnentstellende Hinzufügungen, Versprecher, Schreibfehler, Druckfehler, Lesefehler, Hörfehler, Übersetzungsfehler.

Aber ist das, was wir über die Wirklichkeit sagen, auch wahr? – Die Korrespondenztheorie der Wahrheit beruht auf der nachstehenden Definition, welche zugleich das betreffende Wahrheitskriterium ist: [Die Tatsachenbehauptung A ist wahr.] bedeutet, dass die Aussage A mit den betreffenden Tatsachen übereinstimmt. – Demgemäß bedeutet [Die Tatsachenbehauptung B ist unwahr.], dass die Aussage B die Wirklichkeit nicht korrekt beschreibt. Die unwahre Tatsachenbehauptung B stimmt entweder teilweise oder überhaupt nicht mit den betreffenden Tatsachen überein. Es kann sein, dass der betreffende Gegenstand nicht existiert oder nicht existiert hat. Möglicherweise hat das betreffende Ereignis nicht stattgefunden.

Beispiel für die unwahre Tatsachenbehauptung

B: Auf dem Spielfeld der Allianz Arena in München lag am 23.07.2008 in der Zeit von 10.00 bis 13.00 ein quaderförmiger Stein aus Granit mit einer Masse von 250 kg.

Die Tatsachenbehauptung B könnte unwahr sein, weil die Masse des betreffenden Steins nicht 250 kg war, sondern ca. 600 kg. Das wäre eine teilweise Nichtübereinstimmung der Aussage B mit der Wirklichkeit.

Die Tatsachenbehauptung B könnte unwahr sein, weil auf dem betreffenden Spielfeld kein Stein lag, weder im betreffenden Zeitraum noch in einem anderen Zeitraum seit der Fertigstellung der Allianz Arena. Das wäre eine totale Nichtübereinstimmung der Aussage B mit der Wirklichkeit: Welcher Stein? Es hat dort keinen Stein gegeben.

Die Korrespondenztheorie der Wahrheit setzt voraus, dass die objektiv gegebene Wirklichkeit, die reale Welt, existiert. Doch diese Grundannahme des Realismus ist weder beweisbar noch widerlegbar. Der Realismus ist dennoch fundamental und ohne brauchbare Alternative. Ohne ihn wäre sowohl die naturwissenschaftliche Forschung als auch die historische Forschung sinnlos. – Jeder Körper aus Materie ist ein Prozess, insbesondere ein lebender Organismus. Ständig verändern sich viele Einzelheiten in der realen Welt und immer wieder erhalten wir Informationen über die reale Welt durch bestimmte Wahrnehmungen, Erlebnisse, Berichte und Erklärungsversuche für Veränderungen. Wir selbst gehören als Personen zur realen Welt. Wie wichtig der Realismus für die Bewältigung des Alltags ist, zeigt sich, wenn beispielsweise eine bestimmte Art von Demenz zum Realitätsverlust geführt hat. – Übrigens war die Erde schon da, bevor die biologische Evolution auf unserem Planeten das Bewusstsein und die Sinnesorgane auf neuronaler Basis entwickelt hat. Was Bewusstlosigkeit bedeutet, hat jeder erfahren, der schon einmal unter Vollnarkose operiert worden ist.

Das Bewusstsein, das Gegenteil von Bewusstlosigkeit, ist eine der Grundlagen für unsere Fähigkeit, virtuelle Welten zu erschaffen, zum Beispiel eine bestimmte Vorstellung von der Zukunft (Vision), eine bestimmte Erzählung, ein bestimmter Spielfilm, ein bestimmtes Computerspiel, die Komposition einer bestimmten Musik, eine bestimmte Theorie, ein bestimmtes deduktives System. Nicht einzelne Elemente einer bestimmten virtuellen Welt sind wirklich, sondern diese als Ganzes. Virtuelle Welten sind Produkte unserer Geistestätigkeit und beeinflussen als Elemente der realen Welt andere Elemente der realen Welt, manchmal sogar die Entwicklung eines bestimmten Subsystems. Eine bestimmte virtuelle Welt darf man aber nicht mit der realen Welt verwechseln. Diese Gefahr besteht, wenn eine bestimmte virtuelle Welt neben den konstruierten Elementen scheinbar Elemente der realen Welt besitzt, beispielsweise bestimmte Lebewesen, Dinge, Orte, Zeitpunkte und Ereignisse. – Außerdem erzeugt die Geistestätigkeit eines jeden Menschen ein individuelles, sich veränderndes Weltbild, indem sie die gefilterten und zum Teil fehlerhaften Informationen über die reale Welt zu einem strukturierten Ganzen formt. Diese subjektiven Weltbilder dienen jeweils als Bezugsrahmen für die Verarbeitung der aktuellen Informationen. Dabei wird individuell und situationsbezogen entschieden, was wichtig und was unwichtig ist. Wichtiges wird in den Vordergrund gerückt. Unwichtiges erscheint nicht oder nur beiläufig.

Beispiel für die virtuelle Welt

Der Spielfilm von Federico Fellini „La Strada“, der im Jahr 1954 in die Kinos kam, ist eine virtuelle Welt. Jedes Kunstwerk besitzt viele Bezüge zur realen Welt, beispielsweise der räumliche und zeitliche Rahmen für die Handlung des betreffenden Spielfilms. Die bittere Armut, in der ein Großteil der Bevölkerung im Süden Italiens um das Jahr 1950 lebte, ist eine historische Tatsache. Bei allen ideellen Vorstellungen über die menschliche Existenz und über das künstlerische Konzept war das Bemühen um Realitätsnähe kennzeichnend für Fellinis Film. Das betreffende Kunstwerk wirkt gewollt oder ungewollt auf die reale Welt zurück: (1) Das Publikum ist betroffen davon, wie die Protagonistin ihr Los in gewissen Grenzen annimmt und sich doch dagegen wehrt (Gelsomina, gespielt von Giulietta Masina). (2) Der Spielfilm „La Strada“ stärkt das humanitäre Denken. (3) Das betreffende Meisterwerk setzt noch immer Maßstäbe in der Filmkunst. – Übrigens war das Massenmedium Film, ein Subsystem der realen Welt, eine Voraussetzung für die Entstehung des betreffenden Spielfilms. Die Filmindustrie war noch im Jahr 1835 undenkbar, als William Fox Talbot das Negativ-Positiv-Verfahren erfunden hatte. Die Technik (Aufnahme, Entwicklung, Schnitt, Vervielfältigung und Projektion), die betrieblichen Kapazitäten  (auch die Filmstudios), die Filmproduzenten als Kapitalgeber, der Drehbuchautor, der Regisseur, der Kameramann und das übrige Team für die Dreharbeiten, die Schauspielerinnen und die Schauspieler, die fertigen Filmstreifen auf Rollen, der Filmverleih, das Netz der Kinos und nicht zuletzt das Publikum, all das musste erst einmal aufgebaut werden und hat sich weiterentwickelt und tut das heute noch.

Die Mathematik ist die Wissenschaft von den deduktiven Systemen, deren Elemente Definitionen, Axiome und bewiesene Lehrsätze sind. Zum Beispiel sind die euklidische Elementargeometrie, die Finanzmathematik und die Analysis deduktive Systeme, übrigens auch die Logik. Definitionen: Eine Aussage im Rahmen eines deduktiven Systems nennt man analytische Aussage. Tatsachenbehauptungen sind dagegen Aussagen über bestimmte wirkliche Gegenstände in einem bestimmten Raum-Zeit-Gebiet.

Beispiele für die analytische Aussage und für die Tatsachenbehauptung

A: 7 €  –  5 €  =  2 €
Die Gleichung A ist eine analytische Aussage im Rahmen der Arithmetik.

B: In jedem Dreieck beträgt die Winkelsumme 180 °.
Der Lehrsatz B ist eine analytische Aussage im Rahmen der euklidischen Elementargeometrie.

C: Der Planet Mars gehört zum Sonnensystem.
Die singuläre Aussage C ist eine Tatsachenbehauptung im Rahmen der Astronomie.

D: Für jedes Paar von Körpern aus Materie gilt die Formel von Isaac Newton:

 F  =  6,670  · 10  – 11   ·  m  1 ·  m  2  :  r  2  [N]

F  =  Anziehungskraft
6,670  · 10  – 11  =  Gravitationskonstante 
m 1 =  Masse 1
m=  Masse 2
r  =  Entfernung der Massenmittelpunkte

Je größer das Produkt der beiden Massen ist und je geringer das Quadrat der Entfernung ist, umso größer ist die Kraft F, mit der sich zwei Himmelskörper (Schwarze Löcher, Sterne, Planeten, Monde, Weiße Zweige, Neutronensterne, künstliche Sateliten) gegenseitig anziehen. Mithilfe der Formel kann man die Anziehungskraft in Newton [N] berechnen. Dabei wird die Masse in Kilogramm [kg] eingesetzt und die Entfernung in Meter [m]. Mithilfe der Formel kann man auch eine der beiden Massen und die Entfernung berechnen, sofern die jeweils anderen drei Größen bekannt sind.
Die Newtonsche Gravitationstheorie D ist eine Tatsachenbehauptung im Rahmen der Physik.

Die große Genauigkeit mancher analytischen Aussage verleitet dazu für alle Aussagen absolute Präzision zu fordern, insbesondere im Zusammenhang mit Maßgrößen. Aber es bringt das logische Denken nicht weiter, wenn man die Aussage [Ein bestimmter Stein hat eine Masse von 250 kg.] als unwahr verwirft, weil eine präzisere Messung mit 250,08 kg vorliegt. Für den Transport ist hier die Differenz unerheblich. Andererseits gibt es Fälle, in denen wesentlich präzisere Massenbestimmungen erforderlich sind, beispielsweise die Bestimmung der Masse bei einer bestimmten Art von Elementarteilchen. Absolute Präzision bei Maßgrößen ist nicht machbar. Zu jeder Messung gibt es meistens eine noch präzisere Messung, die messtechnisch sehr schwierig und außerdem sehr teuer sein kann. – Schon beim Gebrauch des Taschenrechners wird klar, dass absolute Präzision in der elektronischen Datenverarbeitung unmöglich ist, wenn es sich um Dezimalzahlen handelt, deren Stellenzahl die vorgegebene Stellenzahl bei den Maschinenzahlen überschreitet, zum Beispiel unendliche Dezimalbrüche, sehr großen Zahlen und Zahlen, welche sehr nahe bei der Null liegen. Das Auf- und Abrunden von Zahlen braucht man schon bei den vier Grundrechenarten.

Eine Tatsachenbehauptung kann sogar wegen absoluter Präzision unwahr sein. Zum Beispiel kommen exakte Kreislinien weder in der Natur noch in der Technik vor, zumindest was die erfahrbare Welt betrifft. So zeigt die Mikrostruktur der Lauffläche eines Rads bei der Eisenbahn winzige Unebenheiten, womit man das Phänomen der Reibung erklären kann. Beim „senkrechten“ Schnitt einer „Ebene“ mit einem „Zylindermantel“ handelt es sich nur näherungsweise um eine Kreislinie. – Nicht einmal die Bahn des Lichts im All ist absolut gerade. Denn extrem starke Gravitationsfelder bewirken eine Ablenkung. – Die Lösung des Problems der Präzision ist die heuristische Regel des Philosophen Karl Raimund Popper: Man soll keine größere Präzision fordern, als für die betreffende Fragestellung nötig ist. – Wenn eine bestimmte Messung für die betreffende Fragestellung zu wenig Präzision aufweist, sagt man nicht, das betreffende Maß sei falsch, sondern das betreffende Messergebnis wird als unbrauchbar angesehen und könnte im Rahmen einer anderen Fragestellung durchaus interessant sein.

Deduktive Systeme enthalten oft Strukturen ohne Entsprechung in der realen Welt. Die Korrespondenztheorie der Wahrheit ist bei analytischen Aussagen erst dann anwendbar, wenn Modelle der betreffenden Strukturen in der realen Welt entdeckt oder geschaffen worden sind. Die ersten analytischen Aussagen sind vermutlich im Zusammenhang mit den natürlichen Zahlen und den vier Grundrechenarten formuliert worden. Die Wahrheitsfeststellung [Die Aussage A (364  +  258  =  622) ist wahr.] bedeutet, dass das Resultat der betreffenden Addition (Wert der Summe) tatsächlich die Zahl 622 ist. Als Modell könnte man die Vereinigung von zwei Schafherden wählen mit 364 Schafen und 258 Schafen. Durch das Zählen der Schafe kann man die analytische Aussage A verifizieren. Man kann auch einfach den Taschenrechner nehmen oder die arithmetische Methode anwenden: Wir verwenden zum Nachrechnen die Additionstabelle für die ganzen Zahlen von 0 bis 9 und die Additionsregel für positive Dezimalzahlen mit mehr als einer Stelle. Dritte Anwendung der Logik in den Wissenschaften: Manchmal ist die abschließende Klärung einer bestimmten Frage möglich. In diesem Fall können die Logik und andere Gebiete der Mathematik viel zur Lösung des Problems beitragen.

Beispiel für die abschließende Klärung einer bestimmten Frage

Bei den „Möndchen des Hippokrates“ vermutet man, dass für die Berechnung der Flächensumme die Kreiszahl π unverzichtbar ist. Dies ist aber nicht der Fall. Denn für alle Möndchen des Hippokrates gilt die Formel:

 

F 1  +  F 2  =  0,5 · a · b

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Abkürzungen:
die Seite AB   DC  =  a  =  c
die Seite BC  =  AD  =  b  =  d
die Diagonale AC  =  e
der Flächeninhalt des großen Möndchens  =  F 1
der Flächeninhalt des kleinen Möndchens  =  F 2
der Flächeninhalt des Halbkreises über c  =  Halbkreis über DC
die Summe der Flächeninhalte der beiden roten Kreissegmente  =  Summe der roten Segmente

Ein direkter Beweis durch Anwendung der Arithmetik , der Algebra der Schulmathematik
und von drei wahren universellen Gesetzen der euklidischen Elementargeometrie
und außerdem mithilfe des Satzes über die Transitivität der Äquivalenz:

(1) F 1  +  F 2   =  Halbkreis über DC  +  Halbkreis über AD  –  Summe der roten Segmente
Für alle Möndchen des Hippokrates ist die Prämisse (1) wahr kraft Definition.

(1) ist äquivalent mit (2):
F +  F =  0,5 · (0,5 a) 2 · π  +  0,5 · (0,5 b) 2 · π  –  [0,5 · (0,5 e) 2 · π  –  0,5 · a · b]
die Formel für den Flächeninhalt des Halbkreises und die Formel für den Flächeninhalt des Dreiecks

(2) ist äquivalent mit (3):
F +  F =  0,125 · π · a 2  +  0,125 · π · b –  0,125 · π · e 2 + 0,5 · a · b

(3) ist äquivalent mit (4):
F 1  +  F =  0,125 · π · ( a 2  +  b 2  –  e 2 )  +  0,5 · a · b

Für alle Rechtecke ABCD gilt die Aussage (5):  a 2  +  b 2  –  e 2  =  0

Die Prämisse (5) ist eine Anwendung des Satzes von Pythagoras: In jedem rechtwinkligen Dreieck ist das Quadrat über der Hypotenuse gleich der Summe der Quadrate über den beiden Katheten.

[(4) und (5)] ist äquivalent mit (6): F +  F =  0,125 · π · 0  +  0,5 · a · b

(6) ist äquivalent mit (7):  F +  F =  0,5 · a · b

Die Korrespondenztheorie der Wahrheit ist im Alltagsverstand verankert. Der Philosoph Immanuel Kant hat sie als selbstverständlich vorausgesetzt. Ihre Tradition reicht zurück bis auf Aristoteles. Doch die Korrespondenztheorie der Wahrheit genügt nicht. Der positive Wahrheitswert (je nach Sprachebene wahr, gültig, zutreffend, richtig) beruht nicht nur auf der korrekten Beschreibung der Tatsachen, sondern auch auf logischen Gründen, nämlich die Wahrheit der tautologischen Aussage, die Wahrheit des Axioms, die Wahrheit kraft Definition, die Wahrheitsgarantie der Kontravalenz, die Wahrheit einer bestimmten Konjunktion, die Wahrheit einer bestimmten Adjunktion, die Wahrheitsgarantie beim direkten und beim indirekten Beweis und die Wahrheit einer bestimmten Aussage auf einer höheren Sprachebene. – Die abstrakte Negation der metasprachlichen Aussage [Die objektsprachliche Aussage A ist wahr.] ist die Feststellung [Die objektsprachliche Aussage A ist unwahr.]. Das führt zum negativen Wahrheitswert (je nach Sprachebene unwahr, ungültig, nicht zutreffend, unrichtig). Es gibt auch einen negativen Wahrheitswert aus einem bestimmten logischen Grund, nämlich die Unwahrheit der kontradiktorischen Aussage, die Unwahrheit einer bestimmten Aussage, welche einer bestimmten wahren Aussage widerspricht, die Unwahrheit wegen einer unwahren Implikation der betreffenden Aussage, die Unwahrheit einer bestimmten Adjunktion und die Unwahrheit einer bestimmten Aussage auf einer höheren Sprachebene. – Beim Wahrheitswert einer bestimmten Aussage gibt es drei Möglichkeiten: die Aussage mit einem positiven Wahrheitswert, die Aussage mit einem negativen Wahrheitswert und die Aussage ohne Wahrheitswert. Die logische Komponente der Korrespondenztheorie der Wahrheit findet ihre Entsprechung in den fünf Axiomen der Logik.

Das Axiomensystem der Logik

 

(1) Der Satz über Aussagen mit einem positiven Wahrheitswert: Für alle gewöhnlichen Aussagen ist die Feststellung [A besitzt einen positiven Wahrheitswert.] äquivalent mit [Alle Implikationen von A besitzen einen positiven Wahrheitswert.].

(2) Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten: Für alle gewöhnlichen Aussagen besitzt entweder die Aussage A oder die Aussage (nicht A) einen positiven Wahrheitswert.

(3) Der Kontrapositionssatz: Für alle gewöhnlichen Aussagen ist die Schlussfolgerung
[Aus A folgt B.] äquivalent mit [Aus der Aussage (nicht B) folgt die Aussage (nicht A).].

(4) Der Satz über Adjunktionen mit einem positiven Wahrheitswert: Für alle gewöhnlichen Aussagen ist die Feststellung
[Eine bestimmte Adjunktion besitzt einen positiven Wahrheitswert.] äquivalent mit [Mindestens eine der Komponenten der betreffenden Adjunktion besitzt einen positiven Wahrheitswert.].

(5) Der Satz über Konjunktionen mit einem positiven Wahrheitswert: Für alle gewöhnlichen Aussagen ist die Feststellung
[Eine bestimmte Konjunktion besitzt einen positiven Wahrheitswert.] äquivalent mit [Jede der Komponenten der betreffenden Konjunktion besitzt einen positiven Wahrheitswert.].

Bei analytischen Aussagen ist oft das Wahrheitskriterium der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit nicht anwendbar, weil die Modelle in der realen Welt noch fehlen. Auch bei einer Tatsachenbehauptung kann die Wahrheitsfrage nicht immer zweifelsfrei geklärt werden, zum Beispiel bei einer bestimmten wahren Theorie im Rahmen der Physik (siehe Kapitel 3). Solange aber das Kriterium zu keiner Fehlentscheidung geführt hat, ist der Hinweis auf Schwächen des Kriteriums kein relevanter Einwand gegen die Korrespondenztheorie der Wahrheit.

Viele betrachten heute eine der verschiedenen Kohärenztheorien der Wahrheit als brauchbare Alternative zur Korrespondenztheorie. Nach diesen Kohärenztheorien ist die Vereinbarkeit einer bestimmten Aussage mit allen bisher akzeptierten (anerkannten) Aussagen angeblich ein Kriterium für den positiven Wahrheitswert der betreffenden Aussage. – Eine Widerlegung: Im Fall, dass die Aussage A nicht durch einen Widerspruch zu einer bestimmten bisher akzeptierten Aussage B auffällt, müsste man die Liste aller bisher akzeptierten Aussagen vollständig in Hinblick auf einen Widerspruch zur Aussage A untersuchen. Das wäre aber nicht praktikabel. Selbst wenn man die Vereinbarkeit der Aussage A mit allen bisher akzeptierten Aussagen nachweisen könnte, sagt das nichts aus über den Wahrheitswert von A. Denn auch eine bestimmte unwahre Aussage kann vereinbar sein mit einer bestimmten wahren Aussage. Ein Beispiel dafür findet man in Kapitel 4. Womöglich haben sich in das System der bisher akzeptierten Aussagen bereits unwahre Aussagen eingeschlichen. Auch zwei bestimmte unwahre Aussagen können miteinander vereinbar sein. – Übrigens gilt die heuristische Regel: Weder von der Vereinbarkeit noch von dem Widerspruch bei zwei bestimmten gewöhnlichen Aussagen darf man auf den Wahrheitswert einer der beiden Aussagen schließen.

Außerdem besitzen die Kohärenztheorien der Wahrheit die nachteilige Tendenz fehlerhafte Systeme zu schützen (siehe Kapitel 8). Ist ein fehlerhaftes System erst einmal anerkannt, so wäre jede Aussage, welche einer bestimmten Aussage im Rahmen des betreffenden Systems widerspricht, nach dem Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch unwahr (siehe Kapitel 4). Auch ein schwerwiegender Einwand respektive ein offensichtlicher Fehler wird nicht ernst genommen, wenn die Bereitschaft zur Überprüfung des betreffenden Systems nicht besteht. Die Modifikation eines bestimmten Systems ist oft sehr aufwendig, manchmal sogar unmöglich, und das betreffende System aufgeben möchte man in den meisten Fällen nicht (dogmatische Schulen siehe Kapitel 3). – Zudem sind die Kohärenztheorien der Wahrheit ein Einfallstor für den Subjektivismus und den Relativismus. Die Idee der Wahrheit wird also in ihrer regulativen Funktion sehr geschwächt. Nach der „Konsensustheorie der Wahrheit“ des Philosophen Jürgen Habermas bedeutet [Eine bestimmte Aussage ist wahr.] lediglich, dass erstens darüber im Rahmen einer „idealen Sprechsituation“ ein Konsens herbeigeführt worden ist und zweitens die betreffende Aussage von allen „vernünftigen Gesprächspartnern“ anerkannt wird. Der positive Wahrheitswert einer bestimmten Aussage degeneriert so zur Beliebigkeit einer Konvention. – Der Subjektivismus und der Relativismus haben ihre Berechtigung auf dem Gebiet der Interpretation, des Werturteils und der Meinung, aber keinesfalls in Bezug auf die Lehrsätze respektive Theorien einer bestimmten Wissenschaft.